Anmerkungen der Autoren zu «Nieder mit den Alpen»
Adrian Winkler
Die Lieder, die dargeboten wurden, waren weder liebeshungrig noch zornig, sondern wühlten mit kühler Genauigkeit im glanzlosen Schweizer Alltag. Und da Langeweile und Harmlosigkeit mein Leben selten höher dosiert vergifteten als zu jener Zeit, lauschte ich wie der Rest des Publikums hingerissen den Wortfetzen, die im Lärmpegel der Instrumente gerade noch zu verstehen waren.
So beschreibt der Musiker und Journalist Boni Koller seinen Besuch eines Konzerts der Band Hertz in den späten Siebziger Jahren. Langweilig und harmlos – so analysiert der Autor selber, sei sein Leben damals gewesen.
Ein Gefühl, behaupte ich, welches jeder Schweizer Mittelstands-Teenager kennt. Das Gefühl in einem Land geboren zu sein in dem alles reibungslos klappt. Einem Land in dem jeder mitreden kann, sich aber trotzdem nichts verändert. Einem Land in welchem einem nichts passieren kann, für alles gibt es eine Versicherung, ein Auffangnetz.
Ich zumindest kenne dieses Gefühl. Aufgewachsen in einem aufgeräumten Berner Oberländer Agglo-Dorf, mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau, sowie auf ein immer grösser werdendes Einkaufszentrum, musste auch ich mich mangels existenzieller Probleme vor allem mit Langeweile und Harmlosigkeit herumschlagen. Die Schweiz erschien mir wie ein goldener Käfig. Wie ein Legoland.
So zumindest, als Legoland, beschrieb die Punkband Der böse Bub Eugen die Schweiz. Mir gingen im wahrsten Sinne des Wortes die Ohren auf. Für die erste Punkwelle war ich zu spät geboren, aber für die Bands der zweiten Generation war ich genau richtig. Die anarchisch respektlose «Tubel Trophy» von Baby Jail, die nüchterne Abrechnung mit dem Vorzeige-Schweizer Pirmin Zurbriggen des bösen Buben Eugen oder auch die wütend ironische Rassismus-Parabel «Mir Senne heis luschtig» von Züri West beschrieben die Schweiz und ihre Bewohner so, wie ich sie wahrnahm. Die Songs waren im besten Sinne identitätsstiftend. Ich begriff – eine andere Schweiz, eine, in der ich mich zuhause fühlen würde, war möglich.
Als ich das erste Mal durch das grosse Tor in der Berner Reithalle schritt, kam es mir deshalb vor wie ein Grenzübertritt. Obwohl etwas eingeschüchtert, empfand ich ein grosses Gefühl von Freiheit. Hier gab es zwar keine Sicherheiten, dafür unendlich viele Möglichkeiten. In diesem Niemandsland, dieser rechtsfreien Zone wurde an einer Schweiz gebastelt, die mir viel mehr entsprach als alles was mir in der Schule über mein Land eingeimpft wurde.
Bald begriff ich, dass diese Parallelwelt nicht seit jeher existierte. Ich begann mich für die Geschichte dieser alternativen Schweiz zu interessieren und er- kannte, dass sie vor allem ein Überbleibsel der Punkbewegung war. Die ganze alternative Kulturszene, in der ich mich bewegte, war von Punks initiiert und «gebaut» worden. Sie hatten die ersten unabhängig produzierten Platten und Fanzines herausgebracht. Sie hatten auf der Strasse Freiräume wie die Berner Reitschule, die Zürcher Rote Fabrik oder die Genfer Usine erkämpft.
Und sie hatten ein Netzwerk aus „Lebens“-Künstlern, Musikern, Konzertveranstaltern und Plattenlabels aus dem Boden gestampft, in dem eine andere Schweiz, eine aufregendere, wildere, direktere und anarchischere, möglich war. Eine Schweiz, mit der ich mich identifizieren kann, die mir im wahrsten Sinne des Wortes eine Heimat bietet.
Im Laufe der Recherchen zu diesem Projekt wurde mir deshalb klar, dass ein Film über die Schweizer Punkbewegung zumindest für mich persönlich so etwas wie ein Heimatfilm werden würde. Denn Punk hat die Schweiz aus meiner Sicht verändert, wie keine andere Jugendbewegung zuvor. Und deshalb ist es wichtig, den Geist der Gründer dieser anderen Schweiz noch einmal aufleben zu lassen. Ihn aber auch kritisch zu hinterfragen und zugänglich für ein junges Publikum zu machen, das selbst noch auf der Suche nach einer eigenen Identität ist.
Laurin Merz
Als wir vor zwei Jahren zum ersten Mal ein Dossier für unseren Punkfilm schrieben, meinte ich noch, meine Verbundenheit zu diesem Thema gründe ausschliesslich in meiner Vergangenheit. Anfangs der Neunziger Jahre war ich mehrmals als Live-Tontechniker mit der Aargauer-Punkband Bettnässer auf Tour. Diese kreative Energie von damals im Stil von „alles ist möglich“ trieb mich zu dem alternativen Lokalradiosender Aargauer Regionalradio (heute Kanal K) und schliesslich in den Journalismus.
Mir war aber immer bewusst, dass ich enorm von den Leuten der Achtziger Bewegung und der ersten Punkgarde profitiere. Wir spielten Konzerte in mehr oder weniger gut organisierten Konzertlokalen, wie dem KiFF in Aarau, der Reithalle Bern, dem Gaskessel Biel und wie sie alle heissen. Meistens an Orten die anfangs der Achtziger gegründet wurden. Je länger ich mich mit der Breite der Thematik Punk auseinandersetzte, merkte ich, dass dieses freie Denken für die Schweizer Kultur äusserst wichtig war.
Die Arbeit am Thema hat meinen Blick geschärft und es beeindruckt mich immer wieder, wo Punk heute noch zu sehen ist. Gerade in der zeitgenössischen Kunst und Kultur, mit der ich mich intensiv beschäftige, entdecke ich viele Elemente des Punk. Aber auch in der Architektur, dem Design und auch in der Mode. Es sind die feinen Anspielungen oder ganz einfach die Haltung der Punks gegenüber dem vermeintlich „Normalen“.
Mit dem Film über Punk geht es mir darum, genaueres herauszufinden über die Urväter und -mütter dieser Bewegung, hauptsächlich auf nationaler, aber auch auf internationaler Ebene - letzteres jedoch nur in Zusammenhang mit Personen aus der Schweiz. (Überraschendes und herausragendes Beispiel hierfür ist die in der Schweiz kaum bekannte Genferin Ramona Carlier, welche als Frontfrau und Sängerin der englischen Mo-dettes bekannt wurde und mit der ganzen internationalen Punkprominenz befreundet war.)
Zusammen mit Adrian Winkler und FAMA FILM möchten wir mit dem Film über Punk ein Dokument schaffen, das Aufschluss gibt über jene Leute, die all die Vorarbeit leisteten. Und nicht zuletzt auch den heutigen Jugendlichen zeigen, wie es damals war, dass Punk eben nicht bloss ein Modewort ist oder eine Art, sich zu kleiden. Dies scheint mir wichtig in einer Zeit, die mit Hochglanz-R‘n‘B und Hip Hop versucht, den Luxus als einziges erstrebenswertes Ziel zu zelebrieren. Die Welt der grossen Autos und schlanken Frauen an Champagner-Partys ist nicht alles. Nicht damals, nicht heute.
