Anmerkungen der Regisseurin Colette Kalt zu «Gränzgänger»

Musik ist für mich die wunderbarste Ausdrucksweise. Richtig gesetzt, können Töne über alle Sprachen hinweg berühren. Hirn und Herz werden gleichermassen geweckt.

Für die Volksmusik galt das zunächst nur bedingt – lange Zeit verband mich gar nichts mit ihr. Ich gehöre zur Generation, die der heimischen Musik mit gesundem Misstrauen begegnete. Als Kind konnte mich meine Mutter zwar mit dem Lied „Nach em Räge schiint d’Sunne“ wunderbar beruhigen. Doch das ist – wie ich heute weiss – ein Song von Welt-format und wurde zu einer Zeit komponiert, als Schweizer Komponisten und Musiker noch Schwergewichte waren, ganz besonders in der Volksmusik.

Heimisches Musikschaffen interessiert mich aber grundsätzlich durchaus. Habe ich doch beim Schweizer Fernsehen unter anderem eine Filmreihe für Kinder und Jugendliche angeregt und umgesetzt, die sich ausschliesslich mit Schweizer Musikern und Bands befasste. Dabei begegnete ich einer Vielfalt von Interpreten und Komponisten, die sich in Mundart oder in Englisch, mit Pop oder Rock, ausdrücken und Fans haben. Florian Ast mit dem Schwyzerörgeli war der erste, der für mich eine Brücke zur Volksmusik schlagen konnte. Der Musiker präsentiert sich frech, spricht eine breite Zuhörerschaft an, mischt Volksmusik mit Rock und Pop, und beruft sich trotzdem immer auf seine ländlichen Wurzeln. Andere mischen ebenso elegant die verschiedenen Musikstile und feiern nationale Erfolge. Da wollte ich doch endlich einmal ein „Original“ hören und rechnete eigentlich damit, nicht mal das erste Stück „durchzuhalten“. Doch weit gefehlt; Hujässler, stimmreise.ch, Pflanzplätz und Gupfbuebä gehörten zu meinen ersten Ländler-CDs und meine Vorurteile waren schnell weggeblasen. Diese Musik ist mitreissend und berührt. Sie erinnert zwar an die vertrauten, nicht sonderlich geliebten Töne, hat aber eine Frische und oft auch Schräge drin, die mehr als aufhorchen lässt.

Im Rahmen meiner ersten Recherchen erfuhr ich dann viel über Mythen und Legenden, die um unsere Volksmusik kreisen. Alle sind sie darauf ausgelegt, die Geschichte vom Bergvolk und den Hirten, die sich von Tal zu Tal mit der Stimme unterhalten, den putzigen und in Trachten gekleideten Menschen, die sonntags den Berg runter steigen um sich auf dem lauschigen Dorfplatz zu versammeln und sich beim gemeinsamen Musizieren fröhlich im Kreis zu drehen, zu stützen. Die Inszenierungen im ländlichen Idyll sprechen die gleiche Sprache.

So habe ich das Gespräch gesucht, Dani Häusler ein erstes Mal gegenüber gesessen und ihn gefragt, was denn die Volksmusik für ihn so besonders macht. Ich glaube, meine Frage hat ihn gleichermassen belustigt und erstaunt.
Vom Musikethnologen Dieter Ringli wiederum habe ich Überraschendes erfahren: er hat mit etlichen Mythen aufgeräumt, denn Volksmusik wurde bekannt in der Stadt und hatte die Funktion, eine Sehnsucht zu stillen, eine Erinnerung am Leben zu halten, aber auch Trost zu spenden.

Mein Zugang zur Volksmusik hat sich seither gänzlich geändert. Im Gespräch mit den verschiedenen Musikern erfuhr ich viel über ihre Verbundenheit mit den heimischen Klängen. Doch ebenso, wie sie darum ringen, dass sich etwas verändert. Sie arbeiten darauf hin, dass Volksmusik vom verstaubten Klischee befreit wird. Sie wollen, dass ihre Musik gehört wird und nicht nur als Geräuschkulisse herhalten muss. Dies alles, damit dieses – unser Kulturgut – nicht vergessen oder gar verloren geht. Hujässler, Quantensprung, stimmreise und Willi Valotti setzen sich mit der Musik auseinander, hauchen ihr mit anspruchsvollen Kompositionen neues Leben ein, rücken sie ins Zentrum und sind stolz, wenn das Publikum an einen Auftritt kommt, sich die Zeit nimmt hinzuhören und begeistert ist.

Auch ich höre nun hin und die alten Bilder von Stammtisch, verrauchtem Sääli und einemkurligen Manndli mit Villiger Kiel im Mundwinkel, das am Schwyzerörgeli hantiert, sind wie weggewischt. Dafür entführen mich die Melodien und Stimmen und erzählen Geschichten, die ich so nicht gekannt habe. Zusammen mit dem tatsächlichen geschichtlichen Hintergrund der Volksmusik wird daraus ein faszinierendes Zeugnis der modernen Schweiz.

Die Interpreten sind allesamt virtuose Künstler, die die Gabe haben, das Erbe mit Schalk und Anmut zu bearbeiten und es so nicht nur am Leben zu erhalten, sondern es gleichzeitig bereichern, ergänzen, erweitern und neue Türen aufstossen. Damit ist die Schweizer Volksmusik auf dem besten Wege, wieder zu einer überaus vielfältigen und lebendigen Musik zu werden und die es dringend zu entdecken.

SIDE B