Die Anfänge der Volksmusik und ihr heutiges Image

Eine der ersten Abhandlungen über die Wurzeln der Schweizer Volksmusik reicht ins 18. Jahr-hundert zurück und wurde von keinem geringeren als Jean-Jacques Rousseau verfasst. Der Aufklärungsphilosoph beschrieb in seinem „Dictionnaire de la Musiqe“ den so genannten „Ranz de vache“, auch Kuhreihen genannt, als Phänomen der alpenländischen Musik. Beim Ranz de vache handelte es sich um traditionelles Eintreibelied der Hirten, vor allem bekannt im Greyerzerland und im Appenzell, in dem sie einerseits die Kühe von der Weide riefen, andererseits auch improvisierte Verse über ihr Leben als Alphirten eingeflochten haben.

Rousseau erwähnte in seinem Bericht, dass das Singen des Ranz de vache im Umfeld von Schweizer Söldnern bei Todesstrafe verboten gewesen sei, würden doch sonst die Soldaten vor lauter Heimweh gleich desertieren, da diese Melodien so starke Gefühle in ihnen weckten.

Rousseaus Ausführungen verbreiteten sich um 1800 in ganz Europa und lösten im gebildeten Bürgertum wider Erwarten eine allgemeine Begeisterung für die Kraft der einfachen Melodien jener ursprünglich-natürlichen Alpenbewohner aus.
Bis zum heutigen Tag hält sich diese Legende um den Ranz de vache und die Söldner hartnäckig und wird auch immer wieder gerne zitiert, um die Werte und Wurzeln der Schweizer Volksmusik zu belegen. Allerdings ist der Beweis nie erbracht worden, dass das Anstimmen eines solchen Kuhreihens tatsächlich mit dem Tode bestraft worden ist.

Hingegen bewirkten Rousseaus Aufzeichnungen, dass die Schweizer Volksmusik bei den gebildeten Europäern zu einem Diskussionsthema wurde, bevor sie auch nur einen Ton davon gehört hatten. Der Grundstein des Mythos war gelegt: jenes romantische Bild, dass die Hirten während dem Weiden ihrer Tiere die Sackpfeife hervor nahmen und den Kuhreihen anstimmten. Der Ranz de vache wurde aber entweder gesungen oder mit der Schalmei gespielt. Auch die Existenz der Sackpfeife ist nicht bewiesen, und im ausgehenden 18. Jahrhundert war der Kuhreihen in Tat und Wahrheit bereits aus dem Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung verschwunden, zumal ihn niemand mehr aus dem Stegreif anstimmen konnte.

Doch irgendwie hält sich diese Mär der unverdorbenen Alphirten und ihrer Musik hartnäckig, und prägt auch das mitunter tendenziell kitschige Image, das die Volksmusik bis heute hat.
Demgegenüber hat jedoch die Schweizer Volksmusik, wie wir sie heute kennen, ihren Ursprung in den Städten des beginnenden 20. Jahrhunderts.
Es gab seinerzeit eine Reihe von Berufs-Ländlermusikern, die in wechselnden Besetzungen auftraten und durchs Land tingelten. Denn lukrativ waren die Auftritte nur in der Stadt, zumal hier vor allem auch ehemalige Landbewohner, die in der Stadt ihr Auskommen suchten und denen die Heimat fehlte, zu den Tanzveranstaltungen strömten. Hier vergass die entwurzelte Landbevölkerung das Alleinsein und die harten Alltagsbedingungen.

Die Musik spielte wild, laut und schräg, war verrucht. Sucht man nach einem Vergleich, drängt sich derjenige mit dem Punk auf.
Die Musiker liessen sich treiben und blieben da, wo sie gerade ein Auskommen fanden. Alkohol und Frauengeschichten waren ihr Alltag, der frühe Tod oft eine traurige Begleiterscheinung.

Das heutige einheimische Musikschaffen in der Sparte Volksmusik wiederum ist stark geprägt vom volkstümlichen Schlager und bei allem anderen, was einem an Volksmusik in Radio und Fernsehen vorgesetzt wird, weht noch jener konservative Geist der 70er- und 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts.
Das Bild von heiler Welt und lieblicher Natur, das hier entworfen wird, entspricht den geschliffenen Klängen. Gespielt wird zwar mit Klarinette, Akkordeon, Alphorn und Zither, doch das Potenzial der Schweizer Volksmusik ist damit bei weitem nicht ausgeschöpft.

SIDE B