«Wachs und Gold»

von Heidi Specogna
Dokumentarfilm / 90min / Amharisch, Englisch / 2018

In der Dichtkunst der äthiopischen Azmari-MusikerInnen trifft pointiertes Amüsement auf codierte Kritik am politischen System und an den radikalen gesellschaftlichen wie kulturellen Veränderungen, von denen die einzigartige Metropole Addis Abeba zurzeit erschüttert wird.

Status

Herstellungsfinanzierung: bis März 2018
Dreharbeiten: April bis Dezember 2018
Schnitt: bis Mai 2019
Fertigstellung: Juli 2019

Inhalt

Äthiopien ist Jahrtausende alt, war immer unabhängig, aber nie frei. Denn stets haben Kaiser oder Diktatoren die einfachen Menschen im Land unterdrückt, ihre Meinungen, ihre freie Rede. Dabei ist das Wort, ist Sprache, oder genauer: sind gesprochene oder gesungene Gedichte seit jeher eine Leidenschaft der Äthiopier. Doch neben den Mächtigen konnte immer nur eine kleine Gruppe öffentlich und offen sagen, was sie denkt: die Azmaris, so bewunderte wie verachtete singende Wanderdichter, die wie eine Kaste zusammenhalten. Was sie zu sagen haben, vermitteln sie mit einer Kunst, die auf Amharisch Sem-enna-Werq genannt wird, auf Deutsch „Wachs und Gold“: Bei den Versen der Azmaris ist der goldene Kern der Wahrheit im Inneren zu finden, umhüllt von Wortspielen, Metaphern und Mehrdeutigkeiten, dem Wachs.

Ähnlich wie in Europa früher das fahrende Volk, also Gaukler und Kirmesmusikanten, Manouches und Schausteller, bereichern Azmaris in Äthiopien noch heute oft feierliche Anlässe – und sie sind zugleich doch sozial geächtet. Sie sind gesellschaftlich niedrig gestellt. Mehr noch gilt dies für weibliche Azmaris, deren Auftritte als Unterhalterinnen, auch nachts vor Männern, sie als unmoralisch brandmarken.

Nardos Tesfaw ist eine Azmari. In ihren Versen drückt sie Wahrheiten aus, die sich in ihrer Heimat sonst kaum jemand zu sagen traut. Aber sie möchte mehr. Sie hat den Traum, zu Musik Geschichten aus dem Leben einfacher Leute zu erzählen. Dafür hat sie einen weiten Weg auf sich genommen: vom winzigen Häuschen ihrer Mutter in den Bergen über endlose Pisten durch Äthiopiens karge Landschaften bis in die glitzernde, pulsierende Hauptstadt Addis Abeba, um dort Sängerin zu werden.

Nardos’ Weg in die Metropole hat sie letztlich ins Fendika geführt, in ein Azmari Bet (Azmari-Haus), einen der letzten in Addis Abeba noch existierenden Clubs für die Darbietungen der singenden Dichter. Hier tritt sie allabendlich mit weiteren Musikern auf. Und hier oder bei ihrer Suche nach Geschichten für ihre Lieder begegnet sie auch Beti, Ziritu, Genned und anderen Protagonistinnen. Sie alle kämpfen dafür, sich ihre Träume zu erfüllen. Sie alle sind, jede auf ihre Art, starke Frauen, die ihren Weg durch Äthiopiens strikte und konservative Gesellschaft finden müssen.

Der Dokumentarfilm „Wachs und Gold“ wird den weiblichen Wanderdichtern und Musikerinnen, den Künstlerinnen und Überlebenskünstlerinnen von Addis Gehör schenken. Wie schlagen sie sich Tag für Tag durch? Wovon träumen sie, wie möchten sie ihre Leben in Äthiopiens Gesellschaft einmal führen? Und was bedeutet für diese Frauen das kodierte Dichten und Sprechen mit Wachs und Gold im politisch hart geführten Äthiopien der Gegenwart?

Der Film „Wachs und Gold“ wird dabei selber zu einem Azmari Bet, zu einem Ort der Begegnung und Austauschs. Hier trifft pointiertes Amüsement auf codierte Kritik am politischen System und an den krassen sozialen, kulturellen und ökonomischen Veränderungen, von denen die einzigartige Metropole Addis Abeba zurzeit erschüttert wird. So ist das Porträt der Frauen letztlich auch das Porträt einer afrikanischen Kultur, in deren Traditionen die Moderne zurzeit nahezu ungebremst Schneisen schlägt.

Allgemeine Angaben

Produktionsland

Schweiz

Produktionsjahr

2018

Gattung

Dokumentarfilm

Dauer

90min

Sprache

Amharisch, Englisch

Cast

Crew

Drehbuch

Heidi Specogna

Regie

Heidi Specogna

Chef-Kamera

Johann Feindt

Direkt-Ton

Hugo Poletti

Bildschnitt

Kaya Inan

Produktion

FAMA FILM AG

Produzent(en)

Rolf Schmid

Finanzierung

SIDE B