Anmerkungen der Regisseurin Elke Baur zu «Mannheim - New York. Auf der Suche nach dem magischen Riff»

Bei der Suche nach einem Filmkomponisten für unseren Dokumentarfilm «Fritz lebt» wurden wir auf den Mannheimer Musiker, Maler und Komponisten Hans Reffert durch seine ‘Musik für Adolf Wölfli’ aufmerksam. Sich mit Adolf Wölfli, einem schizophrenen Schweizer Künstler, auseinanderzusetzen, heisst wie bei «Fritz lebt»: genau hinhören und genau hinsehen, um die Grenzen zwischen Genie und Wahnsinn sichtbar-hörbar zu machen. Könnte passen, dachten wir und riefen Hans Reffert an.
Hans Reffert schaute sich unseren Film an, machte kaum Notizen aber zu unserem Erstaunen kleine schnelle Zeichnungen zu den Motiven. Drei Wochen später stand die Filmmusik, bildgenau.

Seit wir Hans Reffert kennen, haben wir uns immer wieder gefragt, wieso gerade Mannheim so viele Jazz-, Rock-, Unterhaltungs- und Popmusiker hervorgebracht hat. Die Musikszene Mannheims war seit der Nachkriegszeit bis zum Abzug der alliierten Streitkräfte durch den Soldatensender AFN und vor allem durch die amerikanischen Clubs geprägt. Die Arbeiter- und Industriestadt zwischen Neckar und Rhein war immer offen für neue Einflüsse von aussen. Im Nachkriegsdeutschland gab es einen riesigen kulturellen Nachholbedarf und die Jugend wurde geradezu ‘infiziert’ von der amerikanischen Lebensart. Der musikalische Nachwuchs holte sich in den Officer-Clubs und GI-Clubs rund um Mannheim, Heidelberg und bis nach Frankfurt seinen Schliff und verdiente sich dort den Lebensunterhalt. In Mannheimer Tanzcafés und Nachtclubs amüsierte man sich. Die damaligen ‘Jugendlichen’ sind heute gestandene Musiker und haben ihren eigenen Stil entwickelt. Mannheim gilt in Deutschland als die Wiege der deutschen Rockmusiker und Rock-Avantgarde. Bei wichtigen musikalischen Impulsen war Mannheim immer vorn.

Wir recherchierten in Archiven, führten unzählige Gespräche mit Zeitzeugen und Musikern und stellten fest: sie kennen sich alle untereinander, haben irgendwann miteinander musiziert, verfolgen gegenseitig ihre Lebensläufe. Wir haben anhand bisher unveröffentlichter Amateuraufnahmen und Fotos aus den Clubs, in Zeit-Collagen und mit vielen Geschichten die letzten 50 Jahre der Musikgeschichte Mannheims nachgezeichnet.
Wir wollten dem Lebensgefühl der ‘Jungen’, die in die Jahre gekommen sind, aber auch den ‘Nachfolgern’ nachspüren. Viele der damaligen ‘Newcomer’ sind in alle Richtungen auseinander gegangen, Caterina Valente und ihr Bruder Silvio, beispielsweise, leben heute in der Schweiz, Horst Jankowski ging nach Berlin, Margot Hielscher machte Karriere als Schauspielerin, der ‘Krautrock’-Experte Manni Neumeier pendelt zwischen der Schweiz und Mannheim hin und her.

Die Amerikaner haben sich aus Mannheim zurückgezogen, die Kasernen sind teilweise leergeräumt, nur wenige sind geblieben. Die amerikanischen Musikclubs gibt es nicht mehr. Aber der Mythos der Mannheimer Musikszene lebt bei den ‘Daheimgebliebenen’ weiter, bei den Musikern wie auch bei ihren ‘Fans’ und Lebensgefährten.
Der Film ist nicht zuletzt auch eine Betrachtung des Weggehens und des Daheimbleibens. Diese Ambivalenz wird vor allem bei Hans Reffert deutlich. Er träumt in Mannheim von Amerika und behauptet: Adolf Wölfli war normal.

SIDE B